Es reicht!

In Clausnitz am 19. Februar 2016.

Freitagspätnachmittag. Da sich für das Wochenende schlechtes bis sehr schlechtes Wetter angesagt hat und es bis heute Abend recht schön – zumindest trocken – bleiben soll, schlendere ich nach der Arbeit noch etwas durch die Stadt. Das Wetter hält, was es versprochen hatte, doch der Abend wird sich wenden.

Hier ein Blick in ein Schaufenster, dort einfach mal hingesetzt und die Ruhe, die schöne, frische Luft einatmen, für ein paar Minuten Pause machen, die Augen schließen.

Dämmerung zieht auf, es wird dunkel. Mit dem Bus nach Hause fahren? Ach nee, nicht bei dem tollen Wetter. Lieber zu Fuß, auch wenn es etwa eine halbe Stunde werden wird. Der nächste Fußweg vom Markplatz nach Hause führt am Hotmannspief und an der „Bastei“ vorbei. Und zwischen diesen beiden Punkten liegt eine Kneipe, die einen recht schönen Namen hat, in die wir aber bislang nur zweimal reingeschaut haben und uns wieder umdrehten, weil es einfach zu voll dort war. Nicht so heute, denn es ist erst ca. 19.15 Uhr, als ich das „Zuhause“ betrete. Ich suche mir einen Platz an einem kleinen Tisch und beobachte erst einmal einfach mal so die Szenerie …

In einer Ecke hängt ein Flachbildschirm, auf dem Sky mit der 2. Bundesliga läuft. Nachher könnte ich ja dann auch noch das Erstligaspiel gucken. Ich werfe einen Blick auf mein Smartphone, in meine Twitter-Timeline und bekomme auf einmal mit, was sich ca. 24 Stunden vorher in dem sächsischen Dorf Clausnitz abgespielt haben soll. Ich sehe ein Video, lese Tweets und Online-Artikel der Medien, die von Teilen der Gesellschaft als „Lügenpresse“ bezeichnet werden. Ich bin erschrocken, kann es irgendwie nicht glauben, was ich lese, sehe, höre (zwischenzeitlich hatte ich sogar meine Inears herausgeholt, um den Video-Ton zu hören und die anderen Kneipengäste nicht zu stören). Ich bin fassungslos.

Das Fußballspiel gerät zur Nebensache. Es werden immer mehr Details bekannt: Wie sich die pöbelnde Masse verhalten hat. Die Reaktionen der im Bus quasi „gefangen“ gehaltenen Geflüchteten, die dann doch den Bus Richtung Unterkunft verlassen müssen. Das Verhalten eines Polizisten, der einen 10-jährigen Jungen im – landläufig genannten – „Schwitzkasten“ vom Bus in die Unterkunft bringt. Die sächsische Polizei nennt so etwas dann „einfacher unmittelbarer Zwang“.

Auch am gestrigen Samstag kreisen meine Gedanken um das in Clausnitz Geschehene: Der Pöbel, der „Wir sind das Volk!“ skandiert. Ihr seid nicht das Volk! Und wenn ihr doch das Volk wärt, dann wäre auch ich ein Flüchtling.

Was geht in diesen Menschen vor?

„Wir sind das Volk!“ Ihr seid das Volk? Nein, Ihr seid nicht Deutschland. Ihr seid nicht Sachsen. Ihr seid noch nicht einmal Clausnitz! Ihr brüllt einfach nur die Enttäuschung über eurer eigenes Leben heraus, weil Ihr es zu Nichts gebracht habt. Außer vielleicht dem brauen Pack von AfD und NPD hinterher zu laufen und in deren Brüllerei einzustimmen.

Oder habt Ihr Angst? Vor wem? Vor den Geflüchteten? Vor Müttern, die ihre verängstigten Kinder auf dem Arm halten? Vor einem 10-jährigen Jungen, der euch den „Stinkefinger“ zeigt, weil er stundenlang von einer Menschenmasse angebrüllt wird? Ihr armseligen Gestalten.

Angst. Vor dem von Euch so oft beschworenen „Untergang des Abendlandes“? Dass ich nicht lache! Am Untergang des Abendlandes wird der Islam keine Schuld tragen. Auch keine Geflüchteten. Daran werdet alleine Ihr die Schuld tragen, die Ihr jeden Funken an Empathie, an Menschlichkeit verloren habt.

Angst. Ihr wisst gar nicht, was Angst wirklich ist. Ich habe sie – zum Glück – auch noch nie erfahren müssen. Denn Angst hatten die Menschen, die zu uns geflüchtet sind. Ihnen flogen Bomben um die Ohren. Sie hatten jede Nacht Angst um ihr Leben.

Deutschland ist schon seit einiger Zeit nicht mehr so, wie es einmal war. Und daran sind nicht die Geflüchteten schuld. Denn sie suchen Frieden und Hilfe in ihrer ausweglosen Situation, in ihrer Heimat alles verloren zu haben und nur das Allernotwendigste mit auf Ihre entbehrungsreiche Flucht nach Europa, nach Deutschland mitnehmen konnten.

Deutschland hat sich verändert. Und das nicht erst seit Clausnitz. Nicht erst seit Heidenau. Es fing früher an, vor fünfunfzwanzig Jahren: Hoyerswerda (1991), Rostock-Lichtenhagen (1992), Mannheim-Schönau (1992) seien da genannt. Und im November 1992 gab es „Arsch huh, Zäng ussenander“ in Köln, wo Anke Schweitzer fragte:

Nur met enem Koffer stonn se dann he en dem riche Land
für ner Muur us Hass un Ignoranz.
Die Nazizick, widderlije Bilder wede wach.
Wat ess passeet, he in unserm Land?

He en unserm Land es et Zick sich zo erhevve,
dojäjenhalde op der Arbeit op der Strooß.
Keiner darf sing Hand jäjen irjendeiner hevve
un at janit zum Faschistejrooß.
Dat löuf nit met uns!

Brutalität, die Saat der Lüjerei, die jeht jetz op.
Wie wor dat domols? Leech us, Vürhäng zo!
Bransätz fleje un widder schreit der Mob noh Minschebloot.
Wat ess passeet, he in unserm Land?

He en unserm Land es et Zick sich zo erhevve,
dojäjenhalde op der Arbeit op der Strooß.
Keiner darf sing Hand jäjen irjendeiner hevve
un at janit zum Faschistejrooß.
He en unserm Land wolle Kinder friedlich levve,
wie in jedem Land.
Wann weed mert endlich ens verstonn?
Soll denn unser Land widder Willkür rejiere,
nur weil mir us Angs nit opstonn un uns wehre?
Dat löuf nit met uns!

(Anke Schweitzer, „Nit met uns“, 1992)

Noch ein letztes: Wenn ich in diesem Internet lese „Vergessen Sie nicht: Die Flüchtlingskinder von heute sind die Terroristen von morgen. Von daher sollten wir den Einwohnern von Clausnitz danken.“, dann wird mir schlecht.

Ich halte (gemeinsam mit Marie von den Benken, mobilegeeks.de) dagegen mit: „Die braunen Hetzkommentatoren von heute sind die Adolf Hilters von morgen. Möchten wir das zulassen? Möchten wir das wirklich?“

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