Von Pfingsten, Influencern, GroKo, Rezo und „Fridays for Future“

Luftbild der Abtei Königsmünster | Foto: Abtei Königsmünster

Ein guter Freund von mir, der Benediktinermönch Maurus Runge, hat die aktuelle (netz-)politische Diskussion in den Kontext des diesjährigen Pfingstfestes gestellt. Das kündigte er vorigen Mittwoch in diesem Tweet an:

Ich hatte ihn gefragt, ob der seine Predigt veröffentlicht – gegebenenfalls würde ich meinen Blog für einen Gastbeitrag zur Verfügung stellen. Voila – ich freue mich, euch hier nun seine Predigt vorlegen zu dürfen (es gilt das gesprochene Wort):

Vor einigen Wochen, kurz vor der Europawahl, hat ein junger Mann, der sich Rezo nennt, auf dem Internetportal YouTube ein 55minütiges Video mit dem etwas missverständlichen Titel „Die Zerstörung der CDU“ veröffentlicht. Missverständlich, weil Zerstörung nicht eine physische Zerstörung meint, sondern in der Internetsprache eher die argumentative Zerschlagung einer bestimmten Meinung oder Position. Und das Video richtete sich nicht nur gegen die CDU, sondern gegen ein ständiges „Weiter so“ der Großen Koalition aus CDU und SPD v.a. in der Klimapolitik und – das sollte nicht vergessen werden – gegen die rechtspopulistische AfD. Rezo gehört zur sog. Influencer-Szene, was sich vom englischen influence = beeinflussen herleitet. Mit seinen über anderthalb Millionen Followern übt er gemeinsam mit vielen anderen Influencern einen enormen Einfluss auf junge Leute aus. Sein Video, das mit wissenschaftlichen Fakten belegt war, hat zusammen mit der FridaysforFuture-Bewegung rund um die junge Schwedin Greta Thunberg einen Nerv gerade bei jungen Menschen getroffen, was sich auch an den Ergebnissen der Europawahl gezeigt hat – übrigens beides zusammen ein schönes Beispiel dafür, wie analoge und digitale Welt sich gegenseitig befruchten und ergänzen.

Was haben diese jungen Influencer wie Rezo und Greta Thunberg mit dem Pfingstfest zu tun? An Pfingsten feiern wir die Herabkunft des Heiligen Geistes, den Geburtstag der Kirche. Ein etwas sperriges Fest, das wie sein Protagonist schwer zu fassen ist. Dabei ist der Heilige Geist nichts anderes als das, was Rezo oder Greta Thunberg für viele Menschen heute sind – er ist so etwas wie der Influencer Gottes. Wo er einen Menschen ergreift, spornt er ihn an und beeinflusst ihn. Der Influencer-Geist macht aus Menschen, die sich hinter verschlossenen Türen verschanzt haben, begeisterte Zeugen der Frohen Botschaft. Der Influencer-Geist macht die Menschen zu Followern, die Jesus nachfolgen und ihn und seine Botschaft im Leben zur Sprache bringen wollen. Der Influencer-Geist führt ganz unterschiedliche Menschen unterschiedlicher Nationen und Sprachen zusammen und lässt sie einander verstehen.

Der Heilige Geist ist „der Influencer Gottes“, sagt @pmaurus aus der Abtei @koenigsmuenster in seiner Pfingstpredigt 2019 Klick um zu Twittern

Gerade weil Influencer so viele Menschen beeinflussen, rufen sie bei den sog. „Etablierten“ oft Widerspruch hervor. Und die Ewig-Gestrigen versuchen, sie mundtot zu machen, ins Lächerliche zu ziehen. Die Reaktionen auf das Rezo-Video sind auch hierfür ein gutes Beispiel: Was bildet sich dieser Jungspund mit seinen blauen Haaren eigentlich ein, uns, die wir doch so viel mehr an Lebenserfahrung haben, zu kritisieren? Soll er doch erst mal einen vernünftigen Beruf lernen und eigenes Geld verdienen, dann kommt er schon zur Vernunft! Und wenn den Kritikern an Greta Thunberg die Argumente ausgehen, dann wird eben schnell ihr Autismus herangezogen, um sie zum Schweigen zu bringen.

Das war übrigens auch bei den Menschen am ersten Pfingstfest nicht anders, die vom Influencer-Geist ergriffen wurden. Auch hier kamen einige nicht damit zurecht, dass die Menschen trotz fremder Sprachen sich plötzlich verstanden, und so sagten sie: „Sie sind vom süßen Wein betrunken.“ Ein altbekanntes Muster: was Menschen nicht verstehen, das machen sie lächerlich.

Wie wichtig Influencer in unserer modernen Kommunikation geworden sind, zeigt sich daran, dass es im Bereich des Onlinemarketings großer Firmen mittlerweile eine eigene Teildisziplin gibt: das sog. Influencer-Marketing. Hier versuchen sich große Firmen, die Reichweite von Influencern gerade in den Sozialen Medien zunutze zu machen; auch in der Kirche ist immer wieder die Diskussion entbrannt, wie Influencer unsere Botschaft, die von vielen Menschen heute leider nicht mehr gehört und verstanden wird, an den modernen Mann, die moderne Frau bringen können. Die Gefahr dabei liegt auf der Hand: wenn junge Menschen zu Marketingzwecken eingespannt werden, kann viel von ihrer Spontaneität und Lebendigkeit verloren gehen. Die Bewegung „Fridays for Future“ verwahrt sich deshalb gegen eine Instrumentalisierung ihres Anliegens durch bestimmte Gruppen oder politische Parteien. Sie möchte bewusst Bewegung bleiben. Ihr ist der Klimaschutz zu wichtig, als dass er für bestimmte Interessen vereinnahmt wird. Der Geist weht eben, wo er will, und lässt sich nicht in bestimmte Schubladen einsperren.

Der Benediktinermönch @pmaurus aus der Abtei @koenigsmuenster über #Pfingsten, Influencer, #GroKo, Rezo und #Fridays4Future Klick um zu Twittern

Auch die Gemeinde des ersten Pfingstfestes der Geschichte ist ja eine Bewegung. Erst im Lauf der Zeit wird sie zur festen Institution Kirche – mit allem, was notwendig ist, aber eben auch belastend. Das Pfingstfest erinnert uns an die Anfänge unserer Kirche. Wenn wir unseren Ruf „Komm, Heiliger Geist“ wirklich ernstnehmen, dann müssen wir damit rechnen, dass dieser Geist immer wieder die festgefahrenen Strukturen unserer Institutionen und Gesetze aufbricht und uns dahinführt, wo wir es vielleicht am wenigsten erwarten, dass er uns stört aus unserer Routine. Und junge Menschen wie Rezo oder Greta Thunberg und die vielen, die jeden Freitag auf die Straße gehen, um für eine gerechtere Klimapolitik zu demonstrieren, erinnern mich daran, dass der Heilige Geist nicht nur in der Kirche wirkt, sondern auch außerhalb. Und dass diese Influencer mir und uns und unserer Welt etwas zu sagen haben, ja, dass sie Prophetinnen und Propheten sind, Trägerinnen und Träger des Geistes – wenn wir sie wirklich ausreden lassen und sie nicht vorschnell unterbrechen oder mundtot machen oder für unsere Zwecke zu instrumentalisieren versuchen.

Ich wünsche uns offene Sinne, dass wir die Zeichen des pfingstlichen Hoffnungsgeistes in unserer Welt nicht übersehen, und ich wünsche uns ein offenes Herz, dass wir uns vom Influencer-Geist positiv beeinflussen lassen, damit wir selbst zu Influencern werden für eine bessere Welt, in der jeder mit seinen Geistesgaben sich einbringen kann.

Pater Maurus Runge OSB
Benediktiner, Abtei Königsmünster, Meschede

Foto: Maurus Runge OSB, Twitter-Account

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